Was hab ich davon, ein Instrument zu lernen?

WAS HAB ICH DAVON, EIN INSTRUMENT ZU LERNEN?

Diese Frage habe ich zum ersten Mal als Jugendliche gehört: aus dem Mund meines kleinen Bruders. An die Reaktion meiner musikbegeisterten Eltern kann ich mich nicht erinnern, aber es muss eine Mischung aus Ungläubigkeit und Ratlosigkeit gewesen sein.

Zuletzt hat jemand mir diese Frage gestellt: meine eigene Tochter. Und ich kann nicht sagen, dass ich besonders souverän reagiert hätte:

Ja - ja - ja weil!   "Weil… was?!"

Weil… es Spaß macht!  "Aber Fußball macht doch auch Spaß?!"

Weil… Du später mal froh sein wirst, ein Instrument zu beherrschen! "Woher willst Du das wissen?"

Weil…Du Deine Gefühle damit ausdrücken kannst! "… WTF ???"

 

Also gut, mal überlegen. Welche Gründe gibt’s denn - wissenschaftlich gesehen?

Hirnforscher haben entdeckt, dass Musiker ihre Gehirne ganz besonders fordern. Das kann man sich leicht vorstellen: Schon allein das Notenlesen bedeutet für unser Gehirn in etwa das Gleiche, wie eine fremde Schrift zu lernen, zum Beispiel arabisch oder thailändisch. Dabei müssen die Teile im Gehirn, die für das Sehen und Verstehen von Symbolen zuständig sind, ziemlich schuften.

Gleichzeitig müssen Musiker ihre Finger ziemlich gut unter Kontrolle haben: Ein Klavierspieler muss jederzeit wissen, was jeder seiner zehn Finger zu tun hat! Nicht nur wie beim Tippen: wohin die einzelnen Finger zu greifen haben, sondern auch, welche Finger gleichzeitig oder abwechselnd Tasten oder Klappen drücken, wie stark oder schwach, wie schnell oder langsam usw. Deswegen sind bei Musikern die Regionen im Gehirn, die für die Feinmotorik zuständig sind, besonders gut entwickelt.

Natürlich trainieren Musiker auch ihr Gehör ständig; auch das kann man in Musikergehirnen sehen.

Bei Leuten, die Instrumente spielen, ist also ziemlich viel los im Kopf - und zwar gleichzeitig, an vielen verschiedenen Stellen, in unterschiedlichen Kombinationen und Stärken. So wie Du mit dem Fahrrad Deine Beinmuskeln trainieren kannst, so kann man mit einem Musikinstrument sein Gehirn auf Hochtouren bringen.

 

Nun hat die Wissenschaft auch festgestellt, dass Brokkoli gesund ist und Logikrätsel das Denken schulen.

Und? Wer isst schon jeden Tag bei einem Sudoku seine Portion Brokkoli? Eben. Außer so verkopften Gründen muss es doch noch was anderes geben.

 

Zum Beispiel das:

Beim Musikmachen ist man nicht allein! Vielleicht zuhause schon, wenn man die Sachen wiederholt, die man im Unterricht gelernt hat. Aber Instrumentalunterricht kann echt toll sein, wenn man einen einfühlsamen, lustigen Lehrer gefunden hat, der zu einem passt, bei dem man sich wohl fühlt, dem man vielleicht sogar mal was Persönliches erzählt. Oft lernt man ein Instrument auch mit Partnern zusammen. Daraus können richtige Freundschaften werden! An Musikschulen gibt’s außerdem Orchester, kleinere oder größere Gruppen, einen Chor, Bands usw. - und dieses Spielen in der Mannschaft ist einfach unbeschreiblich cool! Wie sich der Klang von jedem einzelnen mit dem der anderen mischt, und alles plötzlich zu einem einzigen großen Instrument wird, Wahnsinn…

 

Wer ein Instrument schon seit ein paar Wochen spielt, merkt übrigens, dass das Spielen einen ziemlich entspannt. Erst kann man sich das nicht so richtig vorstellen: So viel ist zu beachten, die Haltung, die Finger, die Noten… Aber nach kurzer Zeit spürt man so einen Effekt wie nach dem Spazierengehen oder Lesen: Für kurze Zeit war man abgelenkt vom Alltag, mit den Gedanken ganz woanders, hat sich wegkonzentriert von den Hausaufgaben, oder von einer Grübelei. Und auf einmal fühlt man sich wieder frisch und erholt! Seltsam, aber ist so…

 

So, und jetzt fällt mir noch was ein - vielleicht das Wichtigste:

Was Neues zu lernen, macht Spaß! Echt!!

Das habe ich im Lauf meiner Schulzeit leider so nach und nach vergessen, weil das Lernen einfach Pflicht war und wir so viele Sachen lernen mussten, die uns überhaupt nicht interessiert haben. 

Aber eigentlich sind wir Menschen von der Natur für’s Lernen GEMACHT. Gute Lehrer können einen „anfixen“, sie zeigen einem Sachen, die man unbedingt auch können will, und wenn wir was wollen, dann schaffen wir’s auch! Und dann hängen wir uns rein und vergessen die Zeit, und bleiben solange dran, bis wir’s können, auch wenn andere den Kopf schütteln und meinen „das ist doch anstrengend“ - ja, ist es und gleichzeitig aber nicht, weil man beim Üben wie beim Computerspielen oder Schwimmen oder Zeichnen in so einen Flow kommen kann, der dafür sorgt, dass wir die Anstrengung sogar genießen. Und bei jedem Schritt, den wir geschafft haben - ein neues Level, eine Bahn mehr, ein neues Stück - explodieren im Gehirn die Glückshormone und wir werden süchtig nach diesem Kick!!!

 

Ich habe mit vielen Leuten gesprochen, die ein Instrument gelernt haben. Und habe eins immer wieder gehört:

"Ich bin so froh und dankbar, dass mir meine Eltern das ermöglicht haben. Das ist meins, das kann mir keiner nehmen. Egal, wohin es mich verschlägt: Ich kann in jeder neuen Stadt, in jedem Land andere Musiker treffen, mit denen ich spielen kann - sogar, ohne ihre Sprache zu beherrschen!"

 

Es spricht also viel dafür, einfach damit anzufangen - verschiedene Instrumente ausprobieren, sich einen guten Lehrer suchen und selbst entscheiden, ob’s einem was bringt. 

 

Und woher weiß ich denn nun, ob ein Lehrer gut ist? Wie finde ich das Instrument, das zu mir passt? Was, wenn ich einfach unmusikalisch bin? Oder zu alt?!?

Diese und andere Fragen beantworte ich in nächster Zeit in diesem Blog.

Falls Du selbst Fragen zur Musik hast - EGAL WELCHE, so naiv sie Dir vorkommen mögen: Her damit in die Kommentare, ich freu mich drauf!