Was sind Tonarten?

WAS SIND TONARTEN?

 

Sing den Anfang von "Alle meine Entchen"! Genau, nur bis "-chen", und Schluss! (Sitzt Du grade in der Straßenbahn? Pech gehabt, wer verstehen will, muss leiden. Also los!)

So, und nun das Ganze ein bisschen höher. Das heißt, die gleiche Melodie, aber nicht wie im Fußballstadion, sondern so, wie vielleicht ein Kind singen würde, etwas heller.

Und noch heller, wie ein kleines Kind! (Oder die Beach Boys oder die Scissor Sisters...)

 

Was ist passiert (außer dass die Leute in der Straßenbahn so angestrengt versuchen, Dich nicht anzustarren)?

Du hast eine Melodie in verschiedenen Tonarten gesungen. Respekt!

Soweit, so unspektakulär.

 

Aber! Nun stell Dir vor, Du hättest einen Gitarristen bei Dir, der jedes Mal die richtige Begleitung für Deinen Gesang spielen muss. Das wird sauschwer, weil er sich erst mühsam die Töne raussuchen muss, die zu Deinen Tönen passen. Du singst immer nur einen pro Silbe, ein Gitarrenakkord besteht aber gleich aus mehreren Tönen, die ALLE zu der Melodie passen müssen!

Selbstverständlich kannst Du jede Silbe ganz lang aushalten ("AAAAAAAAAL-" ... "-LEEEEEEEEEEEE" ... "MEIIIIIIIIII-"...) und warten, bis er sich die passende Begleitung zusammengefingert hat. Das wird die Geduld der Fahrgäste evtl. auf eine harte Probe stellen.

 

Oder! Ihr einigt Euch vorher auf ein System.

Dein Gitarrist könnte Dir vielleicht einen Ton vorgeben, auf dem Du anfängst zu singen. Und er könnte sich zu jedem Ton vorher überlegen, welche Töne dazu schön klingen und welche weniger.

Nun wird Euch die Wartezeit an der Haltestelle dazu kaum reichen (außer Ihr wohnt in Niederbayern auf dem Dorf und wartet auf den - und ich meine, auf DEN. einzigen. - Bus). Glücklicherweise machen die Menschen aber schon eine ganze Weile Musik und hatten genug Zeit, um sich ein System zu überlegen, das dazu geeignet ist, Euch beide vor einem Straßenbahnverbot zu bewahren:

 

In den letzten Jahrhunderten haben sich europäische Musiker nach und nach auf bestimmte Regeln geeinigt und festgelegt, was gut zusammen klingt und was nicht. (Außerhalb von Europa gelten diese Regeln nicht unbedingt und vor 1000 Jahren waren die Hörgewohnheiten der Menschen auch in unseren Breiten noch etwas anders. Aber in unserer abendländischen Kultur haben wir uns sehr an diese Klangregeln gewöhnt.)

Zum Beispiel klingt es für uns gut, wenn der Gitarrist zu unserer Melodie genau die Töne spielt, die wir auf der ersten, dritten und fünften Silbe singen (also auf "AL-", "MEI-" und "ENT-"). Damit das funktioniert, einigen wir uns auf einen Anfangston (vielleicht c) und auf einen bestimmten Bauplan der Melodie. Die Melodie von "Alle meine Entchen" ist im Bauplan der Dur-Tonleiter geschrieben. Dur und Moll habe ich hier erklärt. Wenn der Gitarrist das weiß, findet er mühelos die richtigen Töne, denn er muss einfach nur vom Anfangston (c) aus dem Bauplan (Dur) folgen und dann den ersten, dritten und fünften Ton zusammen anschlagen (c-e-g, auch "Dreiklang" genannt).

Noch sicherer für das Zusammenspielen ist es allerdings, wenn Ihr Euch auf den Schlusston einigt (bei "Alle meine Entchen" aber egal, weil Anfang und Ende gleich sind).

 

Manchmal wird "Tongeschlecht" (Dur oder Moll) mit "Tonart" (mit welchem Ton endet die Melodie) verwechselt. 

Und die Tonart kann je nach Schlusston eben A oder F oder irgendeine andere sein. Eine Melodie ist vielleicht so etwas wie ein Hund: Der hat ein Geschlecht (männlich oder weiblich) und eine Rasse (Dobermann oder Pudel). Wenn ich den Hund genauer beschreiben möchte, nenne ich am besten beides, erzähle also von der "Pudeldame". Von einer Melodie kann ich dann zum Beispiel sagen, sie ist in "D-Dur" geschrieben, oder in "b-Moll".

 

Einigst Du Dich nun vor dem Einsteigen mit dem Gitarristen darauf, Euer Lied in C-Dur zu singen und zu spielen, kann es gut sein, dass Euch die Fahrgäste nachher sogar noch Kleingeld in den Hut schmeißen; die Wahrscheinlichkeit, dass sich Eure Darbietung hören lässt, steigt mit dem kleinen Trick nämlich deutlich.