Ich bin unmusikalisch.

Ich bin unmusikalisch!

 

OH wie oft ich diesen Satz höre!! Und ich habe ihn noch nie geglaubt.

Was ist denn damit gemeint, „unmusikalisch“?

Die meisten Leute, bei denen ich nachfrage, meinen damit, dass sie nicht singen können. Aber was heißt das? Dass sie in einer Melodie die richtigen Töne nicht treffen. Aber das kann man lernen! Natürlich lernt man es als Kind viel leichter und ohne drüber nachzudenken. Das gilt aber auch für Fremdsprachen, Zeichnen, Fußballspielen, Schwimmen - eigentlich für alles! Nur bei anderen Fähigkeiten gehen wir selbstverständlich davon aus, dass man sie auch als Erwachsener noch erwerben kann. Zumindest hat sich diese Erkenntnis in den letzten Jahren durchgesetzt, seit Hirnforscher herausgefunden haben, dass unsere Gehirne noch bis ins hohe Alter „plastisch“, also formbar und damit lernfähig sind.

 

Warum sollte das für Musik nicht gelten?

 

Singen lernt man durch’s Singen. Dabei ist die größte Überwindung das erste Mal. Deswegen kann das ja unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, z.B. im Auto oder unter der Dusche. Wer dann daran Spaß hat und gerne mehr Töne treffen möchte, meldet sich einfach zum Gesangsunterricht an. „Gesangsunterricht“ klingt hochtrabend, nach Oper und großer Kunst; ein Gesangslehrer ist aber einfach ein Stimmcoach. Er kann einem helfen, die Stimme so zu formen, dass sie klar klingt und unseren Kommandos besser gehorcht.

Wer sprechen kann, kann auch singen. Es wird sicher nicht jeder die nächste Whitney Houston oder ein kleiner Pavarotti, aber Melodien so zu singen, dass man sie erkennt, ist erlernbar.

 

Auch alles andere, was in diesem diffusen Wort „unmusikalisch“ enthalten ist, kann bei näherem Hinsehen erlernt werden. Manchmal meint „unmusikalisch“ ja auch „unrhythmisch“. 

Das soll bedeuten, dass man nicht regelmäßig zu einem Musikstück klatschen kann. Oder vielleicht spielt man schon ein Instrument und kann die Notenschrift nicht sofort richtig übersetzen. Rhythmus ist ja nur ein Angeberwort für „kurz oder lang“. Und unsere Notenschrift hat Symbole für kurze, mittellange und lange Noten und Pausen. Auch dieses Übersetzen von Lesen zu Spielen lernt man natürlich als Kind leichter, aber wie gesagt: Mit etwas Übung geht das auch als Erwachsener. 

Und man kann Rhythmen ja auch ganz ohne Noten erleben und produzieren! Die Leute in Sambagruppen haben keine Notenständer vor der Nase, sie spielen einfach nach, was der Chef vorspielt. Und das so oft, bis sich das eigene Spiel dem der Gruppe immer mehr annähert - und auf einmal rastet der Rhythmus ein und stimmt.

 

Menschen, die sich für „unmusikalisch“ halten, erzählen auch gern von ihrem schlechten Gehör. „Ich kann ja im Radio nicht mal eine Trompete von einer Geige unterscheiden!“ Aber warum?

Weil es Training braucht, um das zu schaffen!

Wer noch nie in seinem Leben in einem Orchesterkonzert saß und dort erlebt hat, wie sich akustische und visuelle Eindrücke von Instrumenten verbinden, der wird im Radio kaum hören, welches Instrument gerade spielt. Ein Kind erlebt vielleicht in einem Kinderkonzert, wie von links diese hohen, sirrenden Töne kommen - ah, das sieht aus wie eine Geige, dann klingt die also so - und von weit hinten samtweiche tiefe Klänge, die im Bauch vibrieren - das Lange da, Mama wie heißt das? Posaune, mein Schatz - und von rechts dieses dunkle Knarren - und die große Geige da? Kontrabass!

Die allermeisten Menschen mussten ohne Kinderkonzerte aufwachsen - aber dafür gibt’s ja YouTube! Und Musikschulen, und Konzerte, und Nachbarskinder, die man sich ausleihen kann, um einen Vorwand zu haben, ein Kinderkonzert zu besuchen…

 

Woher kommt es nun, dass so viele sich für unmusikalisch halten?

Meiner Erfahrung nach: Von der Begegnung mit Rüpeln.

 

Rüpel können Musiklehrer in der Schule sein, die einen Jungen im Stimmbruch dazu zwingen, vor versammelter Klasse ein Kunstlied zu singen.

Rüpel können unsensible Eltern sein, die den zarten Kindergesang mit den Worten abwürgen:

„Das klingt, wie wenn eine Kuh auf’s Blech scheißt“ - so geschehen bei einer Bekannten, die nach diesem Erlebnis nie wieder einen Ton gesungen hat.

Rüpel können ungeschickte Instrumentallehrer sein, die Schüler als „unrhythmisch“, „unmusikalisch“ oder „unbegabt“ abstempeln.

 

Diese Rüpel sind sich nicht klar darüber, dass sie mit solch einer unbedachten Bemerkung ein regelrechtes Trauma anrichten können. Für etwas gemaßregelt oder ausgelacht zu werden, was eigentlich Spaß macht und aus dem tiefsten Innern kommt, kann den stärksten Baum umhauen. Und Kinder für den Rest ihres Lebens davon überzeugen, dass sie „unmusikalisch“ sind.

 

Mich machen solche Geschichten unfassbar traurig - falls Du etwas Ähnliches erlebt hast, freue ich mich aber trotzdem, wenn Du in den Kommentaren davon erzählen magst.

 

 

Gibt’s also gar keine Unterschiede? Sind alle gleich „musikalisch“?

Nein, das natürlich nicht. Wie in allen Bereichen gibt es Menschen, die sich besonders leicht tun beim Erlernen von Notenlesen, beim Nachspielen von Rhythmen, beim Singen von Melodien.

Das sind Glückskinder, Hochbegabte, die von der Natur einen „Draht“ zur Musik mitbekommen haben.

In den meisten Fällen sind es aber Menschen, die schon als Kinder die Gelegenheit hatten, Musik zu erleben und selber zu machen.

 

Lassen wir also die Kinder singen und trommeln und sich musikalisch austoben, wenn sie das möchten!

Und Du, sei ein bisschen gnädig mit Dir - Du bist nicht „unmusikalisch“. Du hattest bis jetzt einfach noch nicht den richtigen Lehrer…