Brauche ich einen Lehrer?

 

Ist es nicht ein bisschen altmodisch, jede Woche zum Musikunterricht zu latschen? Ich kann doch Anfang September nicht wissen, ob ich im April noch Donnerstag um 16.15 Zeit habe. Vielleicht will ich da dann lieber klettern gehen oder ich muss arbeiten! Außerdem gibt’s doch Internet. Ich hab’ da diesen Online-Kurs gefunden; die Lehrvideos kann ich mir anschauen, wann’s mir passt und so oft ich will. Und Fragen stelle ich halt im Forum.

 

Ganz im Ernst - ich liebe das Internet genau dafür: Wenn ich nachts um drei wissen will, wie man einen Papierflieger bastelt, finde ich garantiert auf Youtube hunderte von Leuten, die mir dabei helfen. Das Gleiche gilt für Fensterputzen und Flechtfrisuren - warum also nicht für’s Flötenspielen? 

 

In den letzten Jahren kommen immer öfter Jugendliche und Erwachsene mit dieser Frage zu mir und zu Kollegen an der Musikschule. Und das beantwortet eigentlich schon die Frage: Sie kommen - nachdem sie sich eine App gekauft oder bei einer Online-Schule angemeldet haben - eben doch zu uns Lehrern aus Fleisch und Blut. Weil sie „nicht mehr weiter kommen“, so die häufigste Aussage.

Meistens läuft es in etwa so ab:

Im Alltag machen wir positive Erfahrungen mit E-Learning; sei es die online gestellte Uni-Vorlesung, ein Vortrag auf einer Video-Plattform oder eben Tutorials zu einfachen praktischen Problemen. Die Yoga-App ergänzt den persönlichen digitalen Lauftrainer und im App-Store werden uns immer wieder Programme angeboten, mit denen wir und unsere Kinder offenbar in 14 Tagen virtuose Pianisten werden. Musikinstrumente gibt’s auch zu Spottpreisen online, also auf geht’s! In den ersten Wochen profitieren wir vom Hesse-Effekt: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ Wir sind motiviert bis in die Haarspitzen, die ersten Töne kommen schon, wir schauen uns ein Lehrvideo nach dem anderen an, chatten im Forum mit anderen Schülern, können schon das erste Liedchen spielen - es macht tatsächlich Spaß!

Angeblich - wenn man den Erfahrungsberichten auf den Webseiten von Online-Musikschulen glauben darf - machen viele Menschen großartige Erfahrungen mit diesem Konzept; sie erzählen, wie sehr sie sich verbessert haben und wie toll sie es finden, dass man für den Unterricht nicht regelmäßig aus dem Haus muss.

Nur - warum landen dann so viele letztendlich doch beim „analogen“ Lehrer?

 

Weil Musikmachen eben nicht mit Papierfliegerbasteln zu vergleichen ist. 

Eine „echte“ Stunde läuft eben nicht so ab: Vormachen - Nachmachen, Notenlernen, nochmal von vorn.

Ich spüre schon an der Art, wie eine Schülerin die Tür aufmacht, in welcher Stimmung sie heute ist. Vielleicht kommt sie nassgeschwitzt vom Fahrradfahren rein, oder sie muss sich erst mal den Frust über ihren Kollegen von der Seele reden; vielleicht ist am Wochenende die Oma gestorben oder was auch immer - in jedem Fall ist es ein Mensch, der reinkommt, und jede Woche hat dieser Mensch eine andere Geschichte, andere Bedürfnisse, kurz: jede Stunde ist einzigartig und kann sich - ja nach Ausgangslage - komplett unterschiedlich entwickeln.

Eine Schülerin, die vor drei Tagen eine Zahnspange bekommen hat, werde ich sicher nicht mit Tonübungen quälen. Mit einer Erwachsenen, die 40 Stunde arbeitet, kann ich nicht im gleichen Tempo durch das Lehrbuch fegen wie mit einer Grundschülerin, die jeden Tag Zeit hat zu üben. Eine Jugendliche, die sich auf das Musikabitur vorbereitet, braucht einen anderen Unterricht als eine, die gerade null Bock auf Klassik hat und am liebsten „World-of-Warcraft“-Melodien zur Entspannung spielt.

Ein „echter“ Lehrer stellt Fragen, entscheidet ad hoc, ob es besser ist zu unterbrechen oder den Schüler weiterspielen zu lassen; er geht um den Schüler herum, wechselt die Distanz und die Perspektive, macht suggestive Bewegungen oder führt auch mal die Finger des Schülers, um eine Bewegung begreifbarer zu machen. Ja, er macht auch vor und lässt nachmachen - aber das ist nur ein Bruchteil der Aktionen, die in einer halben Stunde Instrumental- oder Gesangsunterricht ablaufen. 

Das Schlüsselwort ist: Kommunikation! Und zwar vor allem nonverbale, also Körpersprache.

 

„Live“ kann ich außerdem sofort einschreiten, falls jemand sich ungesund hält oder bewegt. Musikmachen ist Sport, d.h. man kann sich auch dabei verletzen. Ob der krumme Rücken nun das Problem ist oder das Hohlkreuz, der abgespreizte kleine Finger oder die gekippte rechte Hand, das vorgereckte Kinn oder die durchgedrückten Knie - wenn man versucht ein Instrument zu lernen, ist man mit so vielen Baustellen gleichzeitig beschäftigt, dass es einen erfahrenen Trainer braucht, der einen sanft aber bestimmt korrigiert.

Und - wichtig! - der einen motiviert und bei der Stange hält, wenn die Anfangsbegeisterung verflogen ist.

 

Zu mir kommen die meisten ehemaligen E-Learner, sobald sie hohe Töne spielen möchten. Die sind nämlich schwierig zu produzieren, und per Skype oder Tutorial ist es eine echte Herausforderung, das komplexe Zusammenwirken von Bauchmuskeln, Zwerchfell und Lippenmuskulatur erfolgreich zu vermitteln. Meistens geht’s dann aber für ein paar Wochen nicht um hohe Töne, sondern darum, die falschen Angewohnheiten abzutrainieren, die sich beim Online-Unterricht eingeschlichen haben. (Die spottbilligen Instrumente aus dem Internet verdienen einen eigenen Artikel…)

 

Ich selbst habe Erfahrungen mit einer irischen Online-Musikschule, bei der ich für etwa ein Jahr Mitglied war. Ich habe festgestellt, dass es Spaß machen kann, die Tunes per Video zu lernen, wenn man das Instrument schon technisch soweit beherrscht, dass es „nur“ noch darum geht, neue Musikstücke zu lernen. Für Anfänger war das Konzept nix. Und weil ich ja theoretisch jederzeit „Unterricht“ haben konnte, waren immer öfter andere Dinge gerade wichtiger; solange, bis ich merkte, dass der monatliche Beitrag eher eine Spende war und ich das Ganze abgebrochen habe. Stattdessen nahm ich mit meiner irischen Flöte Unterricht bei einer Fiddle-Lehrerin! Eine Nichtflötistin im gleichen Raum war hundertmal mehr wert als eine Flötistin auf dem Bildschirm…

 

 

Quelle Bild: https://pbs.twimg.com/media/BkngZblCcAAy1vJ.jpg