Warum lernen mehr Mädchen Querflöte?

 

Das ist mal wieder so eine Frage, bei der ich spontan sage, „na ist doch klar, weil… weiiiil…?“

Anstatt die Antwort eben aus dem Ärmel zu schütteln, habe ich in den letzten Wochen recherchiert, Studien gelesen, Orchesterbesetzungen verglichen, Musikschulen angeschrieben und Umfragen gemacht. Mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich zwischen zwei Möglichkeiten schwanke: Entweder ich schreibe mich an der Uni für das Fach Gender Studies ein, oder ich versuche einfach eine Antwort. Wie Ihr seht, habe ich mich (vorläufig) für Letzteres entschieden.

 

Erst mal wollte ich wissen, ob das überhaupt stimmt: Gibt es wirklich mehr Mädchen, die Querflöte lernen, als Jungs? Könnte ja sein, dass das nur bei mir so ist: Ich habe tatsächlich fast nur Schülerinnen; die männlichen Schüler der letzten 15 Jahre kann ich an einer Hand abzählen.

Stellt sich raus: Ist eben nicht nur bei mir so, sondern praktisch überall.

 

Unten verlinke ich ein paar Studien, die u.a. gefragt haben, warum wer welches Instrument wählt. Dabei kam raus, dass zwei Faktoren besonders großen Einfluss haben: Eltern und Umfeld. Typische Antworten waren „Meine Eltern haben das ausgesucht und mich in der Musikschule angemeldet.“ oder „Meine Nachbarin spielte Querflöte, und das gefiel mir so, dass ich es auch lernen wollte.“

Heißt das nun, dass es reiner Zufall ist, welches Instrument jemand schließlich lernt? Weil es ja sowieso hauptsächlich vom Umfeld abhängt?

Ja und nein.

 

Ja, weil man es als jüngeres Kind oft wirklich nicht rational und selbständig entscheidet, sondern die Wahl ggf. für einen getroffen wird. 

Nein, weil die Eltern bestimmt auch nicht ganz frei von Einflüssen sind, wenn sie ihrem Kind ein Instrument aussuchen. Wenn nämlich Eltern gefragt werden, welches Instrument (oder auch, welche Sportart!) sie sich für ihr Kind wünschen, geben sie in den allermeisten Fällen „geschlechtstypische“ Antworten. D.h. für ihre Tochter können sie sich ein Hozblasinstrument (oder Tanzen) vorstellen, während sie ihren Sohn eher am Schlagzeug (bzw. auf dem Fußballplatz) sehen. Ich unterstelle dem Großteil der Eltern, dass sie das Beste für ihre Kinder und nicht auf- Teufel-komm-raus althergebrachte Rollenbilder zementieren wollen. Aber Eltern sind eben genauso von ihrem Umfeld, von Moden und Traditionen geprägt wie Großeltern und Jugendliche, und geben ihre eigene Sozialisation oft ganz unreflektiert an die nächste Generation weiter. Wissenschaftler haben rausgefunden, dass Erwachsene schon mit kleinen Babies unterschiedlich umgehen - je nachdem, welches Geschlecht diese haben. 

Und Kinder kriegen ja über Medien, ErzieherInnen, FreundInnen und in der Schule ständig Botschaften, wie Mädchen und Jungen in unserer Gesellschaft zu sein haben.

Dass sich die junge Flötistin an ihrer Nachbarin orientiert, ist auch ganz natürlich. Wir identifizieren uns leichter mit Personen des eigenen Geschlechts und Mädchen ahmen - gerade in den prägenden Grundschuljahren - eher ältere Mädchen oder junge Frauen nach.

 

Sehr oft geht dem Querflöten- ja der Blockflötenunterricht voraus (zu dem ich mich im letzten Artikel ausgelassen habe). Blockflöten gelten noch viel mehr als „mädchenhaft“ und „uncool“ und werden noch deutlich weniger von Jungen gespielt. Fragt man nach, heißt es oft, dass Jungs sich eben mehr austoben müssten und Blockflöten dafür zu wenig Möglichkeiten böten. Mal abgesehen davon, dass so alle Jungs über einen Kamm geschoren werden (als wären sie alle hyperaktiv und grobmotorisch), gibt es berühmte Beispiele für männliche Blockflötisten, die zeigen, wie gut sich auch Blockflöten zum musikalischen Austoben eignen.

 

Aber könnte es nicht sein, dass Talent und Vorliebe für bestimmte Instrumente einfach angeboren sind?

Nö.

 

Mit ähnlichen Argumenten haben Männer versucht zu begründen, warum Frauen nicht studieren oder Fußball spielen können - und übrigens auch, warum Frauen nicht in der Lage sein sollen, Blasinstrumente zu spielen! Abgesehen davon, dass sich der weibliche Mund beim Querflötespielen so „kräuselt“ und sich die Dame womöglich unziemlich bewegen könnte, wurde im 18. Jahrhundert nur Männern das Flötenspielen empfohlen, weil man dafür „eine starke Brust“ brauche.

Alles weist darauf hin, dass die Wahl des Musikinstruments eine Frage der Mode ist. Es wurde noch kein Gen entdeckt, dass bei Frauen eine Vorliebe für Querflöten und bei Männern für Schlagzeug codiert. 

Kindergartenkinder sind noch freier in ihrem Geschmack, und noch nicht so sehr von Geschlechterstereotypen beeinflusst. Fragt man Drei- bis Fünfjährige, welche Farben, Berufe oder Instrumente sie bevorzugen, sind die Antworten noch weniger glattgebügelt als bei Schulkindern, die schon mehr Erfahrungen damit haben, „schief angeguckt“ oder „blöd angeredet“ zu werden, wenn sie als Jungen gerne Röcke tragen und als Mädchen gern Posaune spielen wollen.

Viele meiner KollegInnen konnten mir bestätigen, dass sich in der zweiten oder dritten Klasse hin und wieder Jungen zum Querflötenunterricht anmelden und sich dann mit dem Schulwechsel oder spätestens mit Eintritt der Pubertät für ein „cooleres“ Instrument wie Saxophon oder Schlagzeug entscheiden oder ganz mit dem Musikmachen aufhören, weil es in ihrer Peergroup als nicht „männlich“ genug gilt. Ein oft gehörter Satz auf dem Pausenhof hierzu: „Bist Du schwul oder was?“

Erwachsene Männer haben interessanterweise wieder weniger Probleme damit, Querflöte zu lernen. Ihr Selbstbewusstsein ist wohl schon so gefestigt, und nicht mehr abhängig von der Anerkennung durch Andere, dass sie sich auch in höherem Alter noch für dieses „Mädcheninstrument“ entscheiden.

 

Angeblich soll die Querflöte so gut zum weiblichen Geschlecht passen, weil sie so einen „weichen Ton“ hat und so silbrig glänzt. Was für ein Blödsinn. Blechblasinstrumente glänzen mindestens genauso schön, und wenn eine Posaune oder Tuba keinen weichen Ton hat, weiß ich auch nicht. Das Blech wird aber viel häufiger von Jungen und Männern gespielt. Ich habe gelesen, dass das aus der Militärtradition kommen soll, in der z.B. Trompeten und Hörner als typische Signalinstrumente verwendet wurden. Teil der militärischen Spielmannszüge sind aber auch die Flöten, die früher natürlich ebenfalls nur von den - männlichen - Soldaten gespielt wurden.

Also kommen wir wieder darauf zurück: Welches Instrument zu welchem Geschlecht passt, hängt vom Zeitgeist ab.

 

Speziell bei der Querflöte kommt noch die Illusion dazu, dass man zum Flöten keine Kraft brauche, oder zumindest wenig Körpereinsatz. Haha, selten so gelacht! Ich lade jeden und jede zu einer Flötenstunde ein, und wer danach nicht Muskelkater in den Armen und am Mund hat, seine Bauch- und Rückenmuskeln nicht deutlich spürt und nicht schwitzt, hat wahrscheinlich auch keinen schönen Ton rausgebracht. Spätestens, wenn es ans Spielen der hohen Lage geht, merken die meisten, dass Querflöte keineswegs nur „was für Mädchen“ ist.

 

Was mir im Rahmen meiner Recherche aufgefallen ist:

Auch wenn mehr Mädchen als Jungs Querflöte lernen, sitzen in den Profi-Orchestern an den Pulten der Soloflöten in der Mehrheit: Männer! In den letzten Jahren haben die Frauen durchaus aufgeholt, aber wenn man sieht, wieviel mehr Mädchen und Frauen es im Jugend- und Amateurbereich gibt, ist es schon erstaunlich, dass sich irgendwann das Verhältnis weiblich zu männlich ausgleicht und sogar umkehrt. Ist es so, dass junge Männer, wenn sie denn schon ein „Mädcheninstrument“ spielen, sich dann herausgefordert fühlen und nach dem Motto „jetzt erst recht“ alles daran setzen, ihre Möglichkeiten auszureizen und ihre Mitbewerberinnen zu überflügeln? Aber wiederhole ich mit dieser Vermutung nicht wieder nur ein gängiges Klischee, nach dem Männer einfach mehr Lust am Konkurrenzkampf haben und Frauen eben leichter aufgeben?

Diese Diskussion würde den Rahmen des Artikels sprengen, deshalb hier nur noch eine andere Vermutung und dann gebe ich die Frage an Euch weiter.

Ich könnte mir noch vorstellen, dass es in Orchestern so wie in jedem Unternehmen ist: Man sucht sich aus den BewerberInnen die aus, die einem am ähnlichsten sind. Das heißt, eine männlich besetzte Bläsergruppe wählt weiterhin männliche Bläser beim Vorspiel aus. Das hieße aber auch, dass beim Spielen hinter dem Vorhang, wie es einige Orchester mittlerweile praktizieren, genauso oft Frauen wie Männer gewinnen müssten. Je mehr Vorspiele also anonymisiert stattfinden, desto besser für die Chancengerechtigkeit!

 

Und was ist jetzt mit den Jungen, die vielleicht gerne Querflöte spielen würden, sich aber nicht trauen, weil an der Musikschule von der Lehrerin bis zur letzten Schülerin alle weiblich sind?

Denen kann ich nur sagen: Traut Euch! Es wird in absehbarer Zeit keine 30%-Quote für männliche Querflötenschüler eingeführt werden, also liegt es an Euch: Eifert coolen Flötisten wie Ian Anderson, Greg Patillo oder Davide Formisano nach und fangt einfach an. Dann trauen sich andere bestimmt auch.

Und meinen KollegInnen kann ich nur raten: Geht soviel wie möglich in Kindergärten und Instrumentenkarussells, stellt dort Euer Instrument vor, und sprecht ganz bewusst auch die Jungen an. Im Vorschulalter sind sie noch offener und unbefangener, und meistens genauso begeistert von der Querflöte wie die Mädchen!

 

Links:

 

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Studien, Artikel und Bücher zum Thema:

http://www.helvetiarockt.ch/fileadmin/user_upload/Dokumente/helvetiarockt/Arbeiten/M%C3%A4nner_spielen_nicht_Harfe.pdf

https://www.epos.uni-osnabrueck.de/buch.html?id=82

https://www.amazon.de/Geschlechtsspezifische-Sport-Bewegungssozialisation-Anja-Dinter-ebook/dp/B007PSEQBE

https://www.amazon.de/Frau-Musik-M%C3%A4nnerherrschaft-Eva-Rieger/dp/3548350992

https://www.clarino.de/heftartikel/artikel/alles-gender-oder-was-weiblichemaennliche-instrumente/

 

Interessante Webseiten:

https://pinkstinks.de/

http://fraulila.de/

 

Podcast:

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